Das CTG war auffällig und niemand hat reagiert. Was das rechtlich bedeutet.

Das Wichtigste in Kürze

Das CTG zeichnet unter der Geburt die Herztöne des Kindes und die Wehen auf und ist damit der wichtigste Wächter über seinen Zustand. Wird ein auffälliges CTG falsch gedeutet, nicht weitergegeben oder bleibt eine Reaktion aus, kann das ein Behandlungsfehler sein, bei grobem Versagen mit einer Beweislastumkehr zugunsten der Familie.

Viele Eltern erinnern nach einer schwierigen Geburt denselben Moment. Das Gerät neben dem Bett schlug Alarm oder die Kurve sah anders aus als vorher. Und es passierte lange nichts.

Was zeigt das CTG und wann ist es auffällig?

Das CTG zeichnet die Herztöne des Kindes und die Wehen der Mutter gleichzeitig auf, damit sich beides aufeinander beziehen lässt. Auffällig ist es, wenn die Herztöne dauerhaft zu langsam oder zu schnell sind, wenn sie ihre natürliche Schwankung verlieren oder wenn sie wiederholt nach den Wehen abfallen. Unterschieden werden drei Stufen, ein normales, ein auffälliges und ein krankhaftes Muster. Beim auffälligen Muster sind engere Kontrollen und die Suche nach der Ursache gefordert, beim krankhaften Muster muss das Team sofort handeln und notfalls die Geburt rasch beenden. Eine einzelne Auffälligkeit auf dem Streifen beweist noch nichts. Die Bewertung gehört in fachkundige Hände, und ob das Team richtig gehandelt hat, beurteilen am Ende geburtshilfliche Sachverständige.

Welche Fehler rund um das CTG sind typisch?

In den Fällen, die mir aus beiden beruflichen Perspektiven begegnen, wiederholen sich wenige Muster. Am folgenschwersten ist die Fehldeutung, wenn ein krankhaftes Muster als harmlos oder als noch abwartbar eingestuft wird. Häufig wird auch das Gesamtbild ausgeblendet, denn das CTG darf nie allein betrachtet werden, sondern immer zusammen mit dem Zustand der Mutter, dem Fortschritt der Geburt, der Farbe des Fruchtwassers und möglichen Blutungen. Dazu kommen technische Lücken, etwa durch eine verrutschte Sonde oder eine Aufzeichnung, die über längere Zeit nicht verwertbar ist und trotzdem hingenommen wird. Und schließlich kommen Organisationsmängel in Betracht, beispielsweise fühlt sich niemand für die Beurteilung klar zuständig, Befunde gehen bei der Übergabe verloren, der Arzt wird nicht oder viel zu spät hinzugezogen, oder alle erkennen den Ernst der Lage und die Entscheidung zur Entbindung fällt trotzdem erst nach langem Zuwarten.

Wer haftet, die Hebamme oder der Arzt?

Beide können haften, je nach Rolle. Eine Geburt ohne Komplikationen darf die Hebamme eigenständig betreuen. Sobald das CTG auffällig oder krankhaft wird, muss sie unverzüglich den Arzt hinzuziehen. Unterlässt sie das, ist das ihr eigener Behandlungsfehler. Der Arzt trägt die Verantwortung für die abschließende Bewertung und die Entscheidung über das weitere Vorgehen, spätestens ab dem Zeitpunkt, in dem er hinzugezogen wurde oder die Leitung der Geburt übernommen hat. Die Klinik haftet für ihre Mitarbeiter und zusätzlich für Mängel ihrer Organisation, etwa wenn nachts kein erfahrener Geburtshelfer erreichbar ist oder die Zuständigkeiten im Kreißsaal nicht geregelt sind. Für Familien heißt das, dass die Verantwortlichkeiten im Kreißsaal genau aufgeklärt werden müssen und die Hebamme nie außen vor bleibt.

Wann wird ein CTG-Fehler zum groben Behandlungsfehler?

Wenn ein Fehler vorliegt, der einem Geburtshelfer schlechterdings nicht unterlaufen darf. Rechtlich wird eine Fehldeutung nur dann zum Behandlungsfehler, wenn sie fachlich nicht mehr vertretbar war. Wer die Gefährdung dagegen erkannt hat und nichts unternimmt, oder wer ein eindeutig krankhaftes Muster über lange Zeit als abwartbar behandelt, handelt häufig grob fehlerhaft. Die Folge ist die Beweislastumkehr, dann muss nicht mehr die Familie beweisen, dass der Fehler den Schaden verursacht hat, sondern die Klinik muss beweisen, dass der Schaden auch bei richtigem Handeln eingetreten wäre. Das gelingt in solchen Fällen selten, und genau deshalb ist die Einstufung als grober Fehler für Familien so wichtig.

Warum ist der CTG-Streifen das wichtigste Beweismittel?

Weil er objektiv zeigt, was das Kind wann durchgemacht hat und wie viel Zeit bis zur Reaktion verging. Erinnerungen verblassen und Zeugen widersprechen sich, der Streifen nicht. Die Aufzeichnung gehört zu den Behandlungsunterlagen, die die Klinik aufbewahren muss und auf die Sie einen gesetzlichen Anspruch haben. Deshalb fordere ich sie immer ausdrücklich und vollständig an. Fehlen dokumentationspflichtige Umstände, kann sich das zugunsten der Familie auswirken.

Welche Ansprüche hat mein Kind?

Bleibt eine Schädigung zurück, stehen Ihrem Kind Schmerzensgeld und der Ersatz aller Kosten zu, die durch die Schädigung entstehen, von Pflege und Therapien über Hilfsmittel und Umbauten bis zum späteren Verdienstausfall. Bei schweren Hirnschädigungen geht es um die finanzielle Absicherung eines ganzen Lebens. Bezahlt werden diese Ansprüche vom Haftpflichtversicherer der Klinik, und wie dieser einen Fall intern bewertet, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben. Welche Positionen im Einzelnen in Betracht kommen, erklärt meine Seite zum Geburtsschadensrecht.

Was Eltern jetzt tun können

Schreiben Sie auf, was Sie vom Kreißsaal erinnern, so früh wie möglich. Wann das Gerät Alarm gab, wer im Raum war, wann jemand kam und was gesagt wurde. Sammeln Sie, was Sie bereits haben, etwa den Mutterpass, den Geburtsbericht und die Arztbriefe der Kinderklinik. Die vollständigen Behandlungsunterlagen fordere ich später selbst an. Unterschreiben Sie nichts, bevor Sie anwaltlichen Rat eingeholt haben. Und warten Sie nicht zu lange, denn Ansprüche können verjähren.

Rechtliche Grundlagen

Die Klinik schuldet eine Behandlung nach dem anerkannten fachlichen Standard (§ 630a BGB). Sie muss den Geburtsverlauf dokumentieren und die Unterlagen aufbewahren (§ 630f BGB). Sie haben das Recht auf Einsicht und Kopien (§ 630g BGB). Fehlt die Dokumentation einer wesentlichen Maßnahme, wird vermutet, dass sie nicht erfolgt ist (§ 630h Abs. 3 BGB). Bei einem groben Behandlungsfehler kehrt sich die Beweislast für den Ursachenzusammenhang um (§ 630h Abs. 5 BGB).

Häufige Fragen zum CTG bei der Geburt

Wann ist ein CTG auffällig?

Wenn die Herztöne dauerhaft zu langsam oder zu schnell sind, ihre natürliche Schwankung verlieren oder wiederholt nach den Wehen abfallen. Ob daraus ein Handlungsbedarf folgte, beurteilen Sachverständige.

Ist jedes auffällige CTG ein Behandlungsfehler?

Nein. Entscheidend ist, ob das Team die Auffälligkeit richtig eingeordnet und rechtzeitig reagiert hat. Eine vertretbare Fehldeutung ist kein Fehler, ein erkanntes Warnzeichen ohne Reaktion schon.

Wer haftet bei einem CTG-Fehler?

Die Hebamme, wenn sie den Arzt nicht rechtzeitig hinzuzieht, der Arzt für Bewertung und Entscheidung, und die Klinik für ihre Mitarbeiter und ihre Organisation.

Bekomme ich den CTG-Streifen?

Ja. Er gehört zu den Behandlungsunterlagen, auf die Sie einen gesetzlichen Anspruch haben.

Was bedeutet es, wenn Teile des CTG fehlen?

Was dokumentationspflichtig war und nicht dokumentiert wurde, gilt im Zweifel als nicht geschehen. Lücken wirken sich zugunsten der Familie aus.

Sie vermuten, dass bei der Geburt Ihres Kindes etwas schiefgelaufen ist. Rufen Sie an und schildern Sie mir kurz Ihren Fall. Die telefonische Ersteinschätzung ist kostenfrei. Danach entscheiden Sie, ob Sie eine vertiefte Prüfung beauftragen möchten.

Stand Oktober 2026